Liebe Leserinnen und Leser,
im Lukasevangelium ist uns folgende Geschichte überliefert (Lk 17,11–19): Zehn Aussätzige kommen zu Jesus und werden vom ihm geheilt. Voller Freude laufen sie zu den Priestern, um sich von ihnen die Heilung bestätigen zu lassen, auf dass sie wieder in die Gemeinschaft der Lebenden aufgenommen werden, aus der sie aufgrund ihrer Krankheit ausgestoßen worden waren. Nachdem dies geschehen ist, ziehen sie fröhlich ihrer Straße.
Wer mag es ihnen verdenken, dass sie es nach der langen Zeit der Isolation und dem ungewissen Ende ihrer Krankheit nun gar nicht mehr erwarten können, den Blick nach vorne zu wenden und mit ihrer Zukunft ernst zu machen. Ein neues Leben, eine zweite Chance, ein zweiter Start: Da schaut man doch nicht zurück, sondern rennt los! Nur einer von ihnen kehrt um, um sich bei Jesus zu bedanken. Ein Samariter noch dazu, der neutestamentliche Prototyp des rätselhaften Fremden, mit dem anständige Leute nicht verkehren. Jesus sieht das anders: „Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen!“ verheißt er ihm.

Auch der Samariter ist gesund geworden und hat allen Grund, das alte Leben möglichst schnell hinter sich zu lassen und nach vorne zu blicken. Aber – und das ist vielleicht das Geheimnis, das er mit uns teilt – er klammert sein altes Leben dabei nicht aus. Er schaut nicht nur nach vorn, sondern auch zurück. Nicht aus Melancholie oder Rückwärtsgewandheit, sondern aus etwas viel Tieferem: aus Dankbarkeit! Er spürt, dass sein neues Leben niemals gelingen kann, wenn er sein altes kategorisch ausklammert und den leidvollen Weg, den er gegangen ist, verdrängt. Und er hat begriffen, dass er sich sein neues Leben, seine zweite Chance, seinen zweiten Start nicht selbst erarbeitet hat, sondern dass er ihm von Jesus geschenkt worden ist. Aus diesem Grund weiß und spürt er ganz deutlich, dass die einzig angemessene Reakti-on auf ein solches Geschenk Dankbarkeit ist – Dankbarkeit als eine Kunst, sein Leben zu führen.

Um Dankbarkeit solle es auch im Gemeindebrief 169 gehen. Aus ganz unterschiedlichen Perspektiven werfen die Autorinnen und Autoren einen Blick auf dieses Thema. Sie wollen kleine Beiträge sein bei der Einübung in eine Lebenskunst der Dankbarkeit, die in der Gewissheit, von Jesus begleitet und getragen zu sein, ihr Zentrum hat.
Es grüßt Sie herzlich
Ihr Pfarrer Dr. Christian Plate

Bei der Suche nach Texten der Dankbarkeit im Alten Testament, der sogenannten Hebräischen Bibel des Judentums, bin ich auf die Psalmen gestoßen. In diesen Liedern stimmen Einzelne aber auch Gruppen das Loblied auf den Gott des alten Bundes an.
Es sind drei Psalmen, die die Dankbarkeit besonders besingen.
Zuerst ist es der Psalm 92, die Verse 1-7

Das ist ein köstlich Ding, dem Herrn danken
und lobsingen Deinem Namen, du Höchster,
des Morgens Deine Gnade
und des Nachts Deine Wahrheit verkündigen.
Auf dem Psalter mit 10 Seiten,
und der Harfe und zum Klang der Zitter.
Denn, Herr, Du lässest mich fröhlich singen von Deinen Werken,
und ich rühme die Taten Deiner Hände.


Gedankt wird, wie es im Psalm heißt, für Gottes Gnade am Morgen. Welche Gnade ist es, gut geschlafen zu haben, nicht von dunklen Gedanken um den Schlaf gebracht worden zu sein, gesund sich zu fühlen und alle Glieder bewegen zu können, sich auf den neuen Tag zu freuen, ihn heiter und fröhlich zu beginnen. Danke für das Geschenk des neuen Tages, der einmalig ist und nicht wiederholbar.
Der zweite Dank bezieht sich auf die Nacht, die Dunkelheit, das Grübeln, den Rückblick auf den vergangenen Tag, die Ereignisse zum Freuen oder zum Trauern. Jenseits unserer Gedanken und Wahrheiten über Vergangenes leuchtet Gottes Wahrheit auf, die dem menschlichen Zugriff entzogen ist, keine alternativen Wahrheiten und fake news, keine Lügen und Verschwörungstheorien.

Gottes Wahrheit über uns Menschen beschreibt der Beter des Psalms mit dem Loblied über Gottes Werke und dem Rühmen der Taten seiner Hände. Die Schöpfung als Gottes Werk zeichnet nicht nur uns Menschen aus, sondern auch diese Welt in aller Verworrenheit und Endlichkeit. Wir können uns fest machen in der Aussage am Ende des priesterlichen Schöpfungsberichtes: Und siehe, es war sehr gut.
Ein weiterer Psalm nimmt auch das Lob über Gottes Schöpfung wieder auf:
Psalm 100,1-5

Jauchzet dem Herrn, alle Welt!
Dienet dem Herrn mit Freuden,
kommt vor sein Angesicht mit Frohlocken!
Erkennet, dass der Herr Gott ist!
Er hat uns gemacht und nicht wir selbst
zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide.
Gehet zu seinen Toren ein mit Danken,
zu seinen Vorhöfen mit Loben;
danket ihm, lobet seinen Namen!
Denn der Herr ist freundlich, und seine Gnade währet ewig
und seine Wahrheit für und für.

Kräftige Worte benutzt der Psalmist: Jauchzen, Dienen, Frohlocken; denn es geht um die Erkenntnis, dass Gott der Herr uns gemacht hat, und nicht wir selbst. Welch eine Provokation gegen alle Versuche, das Designerkind zu schaffen, nur gewünschtes, gesundes Leben als wertvoll anzusehen. Gott zu danken im Bekenntnis des Glaubens, sein Geschöpf zu sein und nicht das unserer Eltern, befreit beide Eltern und Kinder. Eltern schenken Kindern ihr Leben und werden beschenkt. Kinder können sich als Geschenk verstehen und nicht als Erfüllungsgehilfen für viele unerfüllte Wünsche ihrer Eltern. Welch eine göttliche Wahrheit, Schenkende und Beschenkte zu sein.

Im dritten ausgewählten Psalmabschnitt geht es um dieses Geschenk des Lebens aus der Hand des Schöpfers.
Psalm 139, 13-16

Du hast meine Nieren bereitet
und hast mich gebildet im Mutterleibe,
Ich danke Dir dafür,
dass ich wunderbar gemacht bin;
wunderbar sind Deine Werke;
das erkennt meine Seele.
Es war Dir mein Gebein nicht verborgen,
da ich im Verborgenen gemacht wurde,
da ich gebildet wurde unten in der Erde.
Deine Augen sehen mich,
da ich noch nicht bereitet war,
und alle Tage waren in Dein Buch geschrieben,
die noch werden sollten und von denen keiner da war.

Welch ein Bekenntnis, welch eine Dankbarkeit, welch ein Glaube zeigt sich in dieser Ich-Aussage des Psalmisten: Danke mein Gott, dass Du mich wunderbar gemacht hast. Dieses als Zusage bei aller Endlichkeit unseres Lebens sagen zu können und für sich zu glauben als Gottes Gnade und Wahrheit beinhaltet einen Lebensmut gegen alle Widerfahrnisse, die auf uns warten. Denn: Deine Augen sehen mich: Von Gott gesehen werden, nicht übersehen werden befreit von Verzweiflungen und geglaubten Geringschätzungen durch Menschen. Welch eine Gnade vom Urteil anderer befreit zu sein und sich selbst als Gottesgeschenk zu glauben.

 Dr. Anneliese Bieber-WallmannWir freuen uns, dass wir Dr. Anneliese Bieber-Wallmann (Foto) für die Mitarbeit im Presbyterium gewinnen konnten. Sie wurde feierlich am Sonntag Exaudi, den 13.05., im Gottesdienst in der Christuskirche in ihr Amt eingeführt und wird zukünftig schwerpunktmäßig für die Öffentlichkeitsarbeit unserer Gemeinde verantwortlich sein. Wir freuen uns sehr, dass sie das nunmehr aus fünf Presbyterinnen und Presbytern plus Gemeindepfarrer bestehende Presbyterium ergänzt und wünschen ihr für ihren Dienst Gottes Segen!

Die Arbeiten an der Kooperation mit der Friedens-Kirchengemeinde laufen weiter. In gemeinsamen Sitzungen beider Presbyterien haben wir uns darauf verständigt, dass es neben den 5. Sonntagen im Monat, die wir als gemeinsame Gottesdienste im Wechsel an einem der drei Kirchorte feiern, zusätzlich einen Gottesdienst im Jahr geben soll, der der Kooperation und der gemeinsamen Feier gewidmet sein wird. Im kommenden Jahr haben wir dafür den 27.01. ins Auge gefasst. Genauere Informationen folgen. Daneben arbeiten wir schwerpunktmäßig weiter an einer Vereinbarung über 15% des Pfarrdienstes der Wolbecker Pfarrstelle, die in der Friedens-Kirchengemeinde geleistet und refinanziert werden sollen.

Unser tägliches Brot gib uns heute?

Die Textpassage aus dem Vater Unser „Unser tägliches Brot gib uns heute“ als Wunsch, als flehendes Gebet ist aus heutiger Sicht vielen in unserer Gesellschaft kaum mehr verständlich. Allenfalls Menschen aus der Nachkriegsgeneration können sich erinnern an Fragen von Hunger und Leid. Heute ist es für viele selbstverständlich, dass die Regale in den Lebensmittelgeschäften immer gefüllt sind und eine Auswahl an Produkten mit Spitzenqualität in unterschiedlichster Form besteht. Der Selbstversorgungsgrad für Lebensmittel in Deutschland beträgt 105 %. Die Leistungen zur Ernährungssicherung werden mit immer weniger Erwerbstätigen (heute 1,5 %) bei einer weiter steigenden Effizienz erreicht. So hat sich in einem Jahrhundert der Weizenertrag pro Hektar vervierfacht. Zugleich ist der Anteil der Ausgaben eines privaten Haushalts für Nahrungsmittel deutlich gesunken, heute werden nur noch 12 % des verfügbaren Geldes für Nahrungsmittel ausgegeben. Warum also beten und bitten für das alltägliche Brot, wenn es doch für prozentual immer weniger Geld stets ausreichend zur Verfügung steht?

Die als sicher genommene Nahrungsmittelversorgung, sowohl in der Qualität, als auch in der Quantität ist nicht selbstverständlich. Sie ist das Ergebnis eines guten Standorts Europa, und Deutschland mit sehr viel Niederschlag, guten Böden und einer stabilen politischen und wirtschaftlichen Situation. Die sichere Versorgung ist auch und insbesondere den Menschen zu verdanken, die 365 Tage im Jahr mit Gottes Schöpfung arbeiten. Sie betreuen ihre Nutztiere mit viel Herzblut, hegen und pflegen Kulturpflanzen und dies möglichst im Einklang mit Natur und Gesellschaft.

Ein Blick auf andere Kontinente und andere Länder zeigt, dass all dies nicht selbstverständlich ist. Wir leben in einem Land, in dem Milch und Honig fließen. Dafür können und müssen wir dankbar sein. Dies gilt insbesondere für die Menschen, die sich für die „Lebensmittel“-Produktion so engagiert, kenntnisreich und fähig einsetzen. Neben der Dankbarkeit gilt es, den Landwirten und den in der weiteren Verarbeitung tätigen Menschen auch Vertrauen entgegen zu bringen.

Unsere Situation ist luxuriös. Darüber dürfen wir uns freuen. Ist es nicht zugleich auch eine Verpflichtung für andere, deren Versorgung deutlich schlechter ist, mit tätig zu sein? Nicht überall sind die klimatischen oder politischen Verhältnisse so, wie sie sein könnten und sollten. Nicht überall lässt sich kurzfristig know how transferieren und eine eigene Produktion an Nahrungsmitteln steigern und erweitern. Hier gibt es die Pflicht, aus Deutschland, aus Europa heraus Menschen in diesen Ländern und Kontinenten konkret zu helfen.
Seien wir dankbar und freuen wir uns über unser tägliches Brot - jeden Tag neu

Manch einer mag denken: passt das zusammen? … gerade in einer Zeit, da die Anzahl der Kriege und kriegsähnlichen Konflikte auf der Welt zugenommen hat? Ukraine, Krim, Afghanistan, Syrien, Libanon, Mali und Krisenherde wie in Korea. Soll ich für diese Situation dankbar sein?
Diese Kriegs- und Krisengebiete rücken dichter an uns heran, haben mit der Zunahme von Flüchtlingen auch uns unmittelbar erreicht.
Das ist kein Frieden! Da ist kein Platz für Dankbarkeit!

Oder ist da ein anderer Friede gemeint, für den ich dankbar sein kann?
Gibt es in einer nicht erlösten Welt Frieden per se überhaupt? Ist Frieden nicht eher ein Ziel, das es zu verfolgen gilt. Ein Friedensvertrag heißt nicht, es besteht Friede, sondern er ist eine (Ziel-)Vereinbarung, sich bewusst und mit aller Kraft gegen Krieg, Elend und für eine Situation einzusetzen, in der die Menschen wieder friedlich miteinander umgehen. Eine UN-Friedenstruppe bringt keinen Frieden, sondern schafft die Voraussetzung dafür, dass die Menschen wieder miteinander ins Gespräch kommen, um sich einem friedlichen Miteinander zu nähern.

Dann wäre es die Dankbarkeit dafür, dass der Friede als möglich gesehen wird, dass er als Ziel verfolgt wird, dass es Menschen gibt, die sich diesem Frieden-Schaffen immer wieder aufs Neue und auf unterschiedliche Art und Weise zuwenden.
Es gibt viele Wege sich dem Frieden zu nähern. Da sind kirchliche und nicht-kirchliche Friedensgruppen, die immer wieder darauf hinweisen, dass wir uns nicht zufrieden geben dürfen mit Situationen des Un-Friedens – im Kleinen wie im Großen – mit Blick auf Ungerechtigkeit zwischen Arm und Reich – im Umgang mit unserer Umwelt. Sie machen deutlich, dass ein bewusstes Agieren für den Frieden notwendig ist, dass man Gefahren des friedlichen Miteinanders ansprechen und sich ihnen widersetzen muss.

Ob es glaubhaft ist, wenn dies auch mit nicht-friedlichen Mitteln passiert, darüber müssen sich die Akteure selbst im Klaren werden. Da sind die Pazifisten, die jede Form von (militärischer) Gewalt ablehnen. Da sind Nicht-Regierungsorganisationen, die in Krisengebieten den Menschen Hilfe – auch zur Selbsthilfe – anbieten als Voraussetzung für mehr Frieden untereinander. Da sind Soldaten, die im Auftrag supra-nationaler Organisationen in Kriegsgebieten und in Regionen, in denen der Lärm von Waffen jeden Versuch, miteinander zu reden, übertönt, bemüht sind, die feindlichen Kräfte voneinander zu trennen, damit Ruhe einkehrt, in der wieder miteinander gesprochen werden kann, und die Chance für selbst gestalteten und angeleiteten Wiederaufbau besteht.
Aber es ist gewiss: Es gibt nicht nur den einen richtigen Weg.

Und in diesem Miteinander, in dem Ringen um den richtigen Weg, wissen und mahnen wir als Christen, dass der Einsatz von überstaatlich kontrollierter Gewalt nur das letzte Mittel sein darf. Wir glauben als Christen an die Tatsache, dass Frieden möglich ist. Wenn wir nicht daran glauben würden, woher sollten wir die Kraft nehmen den beschwerlichen Weg auf den Nächsten zuzugehen. Wir können diesen Weg gehen, weil es jemanden gegeben hat, der den Weg des Friedens vorausgegangen ist. Sein Weg war beschwerlich und auch von Rückschlägen geprägt. Er ist uns vorausgegangen, um des Friedens wegen. Wir dürfen ihm um des Friedens willen nachfolgen. Manchmal sind wir dabei erfolgreich, dann sind wir fröhlich. Manchmal erleiden wir Rückschläge. Das macht uns traurig. Dann sind wir dankbar, dass wir nicht allein sind. Dann sind wir dankbar, dass wir Anleitung finden auf dem Weg zum Frieden. Dann sind wir dankbar, dass wir nicht allein sind auf der Suche nach dem Frieden, dankbar für den Frieden, den wir mitgestalten dürfen. Dankbar für den Frieden dürfen wir sein, den wir in Jesus Christus gefunden haben und immer wieder neu finden dürfen.
Thomas Sohst – 63 Jahre – ehemaliger Berufssoldat – seit 15 Jahren Laienprediger der EKvW im Kirchenkreis Münster