Verlag am Birnbach - Motiv von Stefanie Bahlinger, MössingenLiebe Leserinnen und Leser,
der aktuelle Gemeindebrief trägt das Thema „Barmherzigkeit“ und orientiert sich damit an der Jahreslosung aus dem Lukasevangelium (Lk 6,26). Die Künstlerin Stefanie Bahlinger hat sie ins Bild gesetzt:
In der Bildmitte ist das Jesus-Kind in der Krippe angedeutet. Stefanie Bahlinger wählt also bewusst ein weihnachtliches Motiv. Sie hat es in weißen Tönen gemalt. Weiß ist die Kirchenfarbe der Freude. Zu Weihnachten und zu Ostern trägt das Antependium vor unserem Altar diese Farbe. Das es sich um das Jesus-Kind handelt, erkennen wir an dem Kreuz, das es auf der Brust trägt. Das Zeichen seines Leidens und seiner Hingabe. Betrachtet man den Leib des Kindes genauer, kann man darin auch einen Laib Brot erkennen. „Ich bin das Brot des Lebens“ (Joh 6), sagt Jesus im Johannesevangelium.

Das Lebensbrot oder das Jesus-Kind wird von orangenen und roten Tönen gerahmt. Warme Töne, die Geborgenheit vermitteln. Wie eine Decke oder ein Himmelbett hüllen sie das Kind ein. Eine Decke, die sich zu lodernden Flammen aufschwingen. Ein Zeichen für den Heiligen Geist, der uns das Weihnachtsgeheimnis erst aufschließt: In der Krippe zu Bethlehem kommt nicht nur ein Mensch zur Welt, sondern Gott selbst wird Mensch. Nicht, weil sich die Menschen es verdient hätten, sondern aus lauter Barmherzigkeit.  In das weihnachtliche Motiv mischt sich somit ein pfingstliches, in das Weiß die Farbe Rot.

Wohin uns Jesus einmal alle führen wird, das ist in der rechten Bildhälfte zu sehen: Wie ein gotisches Kirchenportal eröffnet es den Zugang zu einer neuen Welt, aus der uns bereits das strahlende Weiß der Freude entgegenscheint. Mit matten Verstrebungen ist diese künftige Welt bereits mit der irdischen verbunden. Es ergibt sich ein Netz, das das gesamte Bild durchzieht, alle Details miteinander verbindet und schlussendlich einen Rahmen, eine Art Haus mit Dach bildet. Die neue Welt wirkt bereits in die alte hinein, gibt ihr einen Rahmen und scheint durch sie hindurch. „Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch“ (Lk 17) wird das zum Mann herangewachsene Kind aus der Krippe einmal sagen. Alles, was ist, ist auf das Reich Gottes hin gebaut und ausgerichtet, das ist die große Perspektive, ohne dabei dort schon angekommen zu sein

Darauf macht uns die linke Bildhälfte aufmerksam. In ihr bricht das gotische Tor langsam ab und Unordnung weicht der Ordnung. Nach unten nimmt die Stärke der Linien ab. Alles verwischt und verschwimmt. Die Klarheit nimmt ab. Auch diese Erfahrung gehört zu unserem Leben dazu. Manchmal sehen wir die Konturen nicht, die Gott in unser Leben und unsere Welt malt, oder können sie nur schemenhaft wahrnehmen. Aber dies ändert nichts daran, dass die Perspektive, die er uns verheißen hat, da ist. Unwiderruflich!

Wir finden im Bild von Stefanie Bahlinger also primär den zweiten Teil der Jahreslosung dargestellt: „wie auch euer Vater barmherzig ist“. Die Barmherzigkeit Gottes zeigt sich in seiner Menschwerdung und der Gabe des Heiligen Geistes. Gott ist so barmherzig, dass er uns nicht nur das Leben schenkt und von Schuld losspricht, sondern uns sich selbst zum Geschenk macht. Stefanie Bahlinger malt die Barmherzigkeit Gottes in weihnachtlich/österlichem Weiß und pfingstlichem Rot, damit wir uns an ihr ein Beispiel nehmen können, bzw. uns von ihr motivieren lassen. Nur aufgrund der Barmherzigkeit Gottes können auch wir barmherzig sein und damit die erste Vershälfte der Jahreslosung erfüllen: „Seid barmherzig“.

Dieser Aufruf findet sich nicht im Bild, er sollte sich in uns finden. Das Bild ist also so etwas wie ein Spiegel, der die Barmherzigkeit Gottes ausmalt, um sie in unsere Herzen zurückzuwerfen. Ohne die Barmherzigkeit Gottes müsste uns die Forderung Jesu überfordern. Nur aufgrund der Gnade und Barmherzigkeit Gottes kann unsere Barmherzigkeit Gestalt annehmen. Darum: Nehmen wir den Spiegel an, den uns Stefanie Bahlinger mit ihrem Bild vorgehalten hat, und lassen uns von Gottes Barmherzigkeit verwandeln, animieren und verändern, motivieren, anstecken und begeistern. Gerade in dieser von der Pandemie gezeichneten Zeit, die uns den Wert von Solidarität noch einmal ganz praktisch vor Augen führt, ist es vielleicht wichtiger denn je, barmherzig miteinander umzugehen. Darum: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“

Ihr
Pfr. Dr. Christian Plate

© Motiv von Stefanie Bahlinger, Mössingen, www.verlagambirnbach.de

Der zweite Lock-Down und die dringende Empfehlung unserer Landeskirche, auf Präsenz-Gottesdienste zu verzichten, haben zu einer Entscheidung geführt, die uns nicht leicht gefallen ist: Seit dem 4. Advent verzichten wir auf Präsenz-Gottesdienste und feiern stattdessen online. Vor allem im Blick auf das Weihnachtsfest stellte diese Entscheidung einen tiefen Einschnitt dar. Umso mehr sind wir Matthias Schlüter dankbar, der es erneut in vielen Stunden ehrenamtlicher Arbeit ermöglicht hat, Gottesdienste aufzuzeichnen, zu schneiden und ins Netz zu stellen. Ohne ihn würde unser gemeindliches Leben in dieser herausfordernden Zeit um einiges ärmer sein. Darum auch an dieser Stelle ein von Herzen kommendes: Danke-Schön!

Vielleicht haben Sie es beim Vorbeifahren schon bemerkt: Vor unserer Christuskirche wurde die Sitzgruppe entfernt. Angesichts häufig wiederkehrender Ruhestörungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die die Sitzecke für Partys nutzten, hat sich das Presbyterium zu diesem drastischen Schritt entschlossen, da wiederholte Ansprachen ohne Folgen blieben. Wir freuen uns nun über die schöner gewordene Sichtachse auf die Kirche und das vergrößerte Platzangebot für Freiluftveranstaltungen vor der Kirche.

Das Gartenhaus an der Gnadenkirche in Albersloh ist in die Jahre gekommen. Das marode Holzhaus wird durch ein langlebigeres Metallhaus ersetzt werden.

Wenn uns die Pandemie eines deutlich vor Augen geführt hat, dann ist es die voranschreitende Digitalisierung unserer Welt. Um eine zeitgemäße und effiziente Verwaltung der Gemeindearbeit zu ermöglichen, haben wir uns für die Einführung des webbasierten Programms „ChurchTools“ entschieden, das eine digitale Verwaltung der Termine, der Raumvergabe und der Ehrenamtsdaten ermöglicht. Alle Ehrenamtlichen werden in den nächsten Wochen einen Brief von uns erhalten, in dem Sie gebeten werden, Ihr Einverständnis für die Speicherung Ihrer Daten in diesem System zu geben. Mit Ihrem Einverständnis helfen Sie uns, die ehrenamtliche Arbeit in unserer Gemeinde besser und effektiver zu verwalten als dies durch Excel-Tabellen oder Papierlisten möglich ist.



Liebe Leserinnen und Leser,
„Seid mutig und stark! Habt keine Angst und lasst euch nicht von ihnen einschüchtern! Denn der HERR, euer Gott, geht mit euch“ (Dtn 31,6). Mit diesen Worten verabschiedet sich Mose vom Volk Israel, das er mit Gottes Hilfe aus der ägyptischen Knechtschaft befreit und an die Grenze zum gelobten Land gebracht hat. Nun sind sie kurz davor, ihr Ziel zu erreichen und das lang ersehnte Land zu betreten.

Mut können sie dabei gut gebrauchen, denn dieses Land ist alles andere als unbewohnt und ungefährlich. Feindlich gesinnte Völker, Naturgewalten, Seuchen und vieles mehr werden den Mut Israels immer auf eine harte Probe stellen.

Auch unser Mut wurde in den zurückliegenden Wochen und Monaten so manches Mal auf eine harte Probe gestellt. Wieviel Öffnung trauen wir uns nach dem Lock-down zu? Welche Gruppen können sich wieder wie treffen? Wie sind Kontakte möglich? Und vor allem: Wie feiern wir gemeinsam unseren Gott, wie kommunizieren wir sein Wort und wir spenden seine Sakramente?

Bei der schrittweisen Wiederaufnahme der Gemeindearbeit (Präsenzgottesdienste seit Mai, Jugendarbeit seit Juni, Seniorenarbeit seit August) hat mich vor allem ein biblisches Wort geleitet: „Gott hat uns nicht gegeben einen Geist der Verzagtheit, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“ (2. Tim 1,7). Mit Liebe zu den Menschen, mit Besonnenheit im Blick auf ein wieder einsetzendes, dynamisches Infektionsgeschehen, aber nicht mit Verzagtheit, sondern mit Kraft möchten wir mutig Gemeinde leben und Gemeinde bauen.

Der aktuelle Gemeindebrief möchte dazu einen Beitrag leisten und trägt aus diesem Grund das Thema „Mut“ als Überschrift. Nach einer Corona bedingten Zwischenausgabe für die Monate Juli bis November stellt er eine Rückkehr zum ursprünglichen Erscheinungs-Turnus dar.  Er will zum Schmökern und zu verantwortlich gestalteten Veranstaltungen einladen, deren Teilnahme weniger Mut als vielmehr Lust und Freude voraussetzen.

Es grüßt Sie herzlich
Ihr Pfarrer  Dr. Christian Plate

  • Kooperation mit der Friedensgemeinde: Mit Bedauern haben wir zur Kenntnis genommen, dass die Ev. Friedens-Kirchengemeinde Münster aufgrund der finanziellen Herausforderungen, vor denen sie sich aktuell gestellt sieht, die Vereinbarung über 15% Pfarrdienst zum 31. Dezember 2020 einseitig aufgekündigt hat.
  • Für uns als Gemeinde bedeutet der Wegfall der Refinanzierung von 15% der Pfarrstellenpauschale mittelfristig ebenfalls finanzielle Probleme.
    Positiv ist, dass sich Pfr. Dr. Plate nun ganz auf die Arbeit in der Kirchengemeinde Wolbeck konzentrieren kann.
  • Kirchenkreis: Die Kreissynode Münster hat Pfr. Dr. Plate am 02.09.2020 zum Scriba des Ev. Kirchenkreises gewählt. Der Scriba ist Mitglied des Leitungsgremiums des Ev. Kirchenkreises Münster, des Kreissynodalvorstandes (KSV), ist für die Abfassung der Sitzungsprotokolle verantwortlich und übernimmt Vertretungsaufgaben für den Superintendenten. Sein Amt ist auf 8 Jahre angelegt und ehrenamtlich.
  • Mit Freude und einem herzlichen „Danke-Schön“ an alle Spender können wir berichten, dass wir die Stelle unseres
    Jugendreferenten Søren Zeine in diesem Jahr aus Spenden finanzieren konnten. Dies ist die Voraussetzung für eine Fortführung seiner für unsere Gemeinde segensreichen Tätigkeit.
  • Wussten Sie, dass die Lüftungsanlage der Christuskirche die gesamte Innenluft einmal pro Stunde komplett gegen Frischluft austauscht und mit einem Virenfilter ausgestattet ist?



Miteinander durch Gottes Heiligen Geist

Pfr. Dr. Christian Plate, Predigt über Apg 2,1–13, gehalten am Pfingstsonntag, den 31. Mai 2020, in der Christuskirche zu Wolbeck

Liebe Gemeinde,

Jesus verheißt im Evangelium des Pfingstsonntags (Joh 14,15–27) seinen Jüngern einen Tröster oder einen Fürsprecher, wie man das griechische Wort „Paraklätos“ auch übersetzen kann: Gottes Beistand also, der für sie sprechen und agieren wird, wenn ihnen die Kraft, der Mut, die Kreativität, der Glaube fehlt.

Im 2. Kapitel der Apostelgeschichte lesen wir dann, wie sich diese Verheißung erfüllt hat:

„1 Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. 2 Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. 3 Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, 4 und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen. 5 Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. 6 Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. 7 Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa? 8 Wie hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache? 9 Parther und Meder und Elamiter und die wir wohnen in Mesopotamien und Judäa, Kappadozien, Pontus und der Provinz Asien, 10 Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Einwanderer aus Rom, 11 Juden und Judengenossen, Kreter und Araber: wir hören  sie in unsern Sprachen von den großen Taten Gottes reden. 12 Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? 13 Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein.“ (Apg 2,1–13)

Zugegeben: eine fantastische Geschichte, diese Pfingstgeschichte. Mit himmlischem Brausen, Feuerzungen und einem Sprachwunder bietet sie eine Vielzahl möglicher Zugänge an, und man weiß auf den ersten Blick gar nicht, womit man anfangen soll. Ich möchte dieser Versuchung heute Morgen nicht erliegen, sondern den Spott, der am Ende der Pfingstgeschichte vorgebracht wird, ernst nehmen und einen nüchternen Zugang wählen. Ich möchte die Pfingstgeschichte unter zwei räumlichen Bestimmungen betrachten: drinnen und draußen.

In der Pfingstgeschichte gibt es die einen, die drinnen sind: drinnen in einem Haus in Jerusalem im ganz wörtlichen Sinne und drinnen in der Christusgemeinschaft im übertragenden Sinne. Und es gibt die anderen, die draußen sind: draußen auf den Straßen und draußen, außer-halb der Christusgemeinschaft.

Die einen stellen eine Minderheit dar, eine verschwindend geringe, um genau zu sein: nach der Nachwahl des Apostels Matthias für den verstorbenen Judas sind es genau Zwölf. Die anderen, die draußen sind, stellen hingegen die überwiegende Mehrheit dar.

Diejenigen, die drinnen sind, stammen aus Galiläa oder aus anderen Teilen Israels, diejenigen, die draußen sind, aus allen Teilen der Welt. Neben Juden sind dort Griechen und Araber, Menschen aus der heutigen Türkei, aus Syrien, dem Iran und dem Irak. Der ganze antike Kosmos ist hier vertreten. Und so unterschiedlich wie die Länder und Kulturen sind, aus denen diese Menschen stammen, so unterschiedlich sind auch die Religionen, denen sie angehören: Da gibt es gebürtige und konvertierte Juden, Anhänger des Mithraskultes oder der römischen Staatsreligion, Geistesanbeter und Menschen, denen Glaube und Religion nur wenig bedeuten. Sie alle sind aus ganz unterschiedlichen Gründen in Jerusalem: Vielleicht weil sie hier leben oder bloß auf der Durchreise sind, vielleicht, weil sie hier Handel treiben oder einen Freund besuchen.

Diejenigen, die drinnen sind, sind in Jerusalem, weil sie sich zurückgezogen haben. Gleich zweimal mussten sie sich von Jesus verabschieden, mussten ihn loslassen, obwohl sie nicht wollten: einmal nach sei-ner Hinrichtung auf Golgatha, ein zweites Mal nach seiner Himmelfahrt auf dem Ölberg. Nun sitzen sie da: zusammen und doch jeder für sich; nicht vollkommen aufgelöst wie nach der Kreuzigung und doch verunsichert; nicht gänzlich hoffnungslos und doch ohne leitende Perspektive. Sie sind, so müsste man wohl mit dem aktuell gängigen Vokabular sagen, auf Abstand zueinander gegangen und haben sich selbst unter häusliche Quarantäne gestellt, um sich von der Auferstehungsfreude nicht anstecken zu lassen.

Die Jünger erwarten nicht mehr die ganz großen Sprünge von ihrem Glauben, jetzt, da Jesus endgültig entschwunden ist. Sie haben ihren Glauben nicht verloren, aber er ist nüchterner geworden, realistischer vielleicht. Sicher, sie sind überzeugt, dass Jesus lebt, aber einer überwältigenden Mehrheit, die noch nie etwas von ihm gehört hat, die gute Nachricht auszurichten, ist dann doch eine Nummer zu groß. Was sollen 12 Menschen schon gegen die Tausende und Abertausende an Andersgläubigen, Unentschiedenen, Nichtgläubigen und Gegnern ausrichten? Gut, dass sie wenigstens sich haben, dass sie in alten Erinnerungen schwelgen, ihre alten Lieder singen und die vertrauten Bräuche pflegen können, die von denen da draußen sowieso niemand verstehen würde.

Eine Situation, die, wenn wir sie nüchtern betrachten, gar nicht so verschieden von der unsrigen ist. Wie damals in Jerusalem gibt es auch bei uns diejenigen, die drinnen in der Kirche sind, die getauft sind und sich selbst als Christen bezeichnen, und diejenigen, die draußen sind. Und wie in der Pfingstgeschichte stellen letztere mittlerweile die Mehrheit dar – Tendenz steigend.

Angesichts einer Gesellschaft, die dem Christentum immer gleichgültiger und manchmal sogar feindseliger gegenübersteht, angesichts des fortschreitenden gesellschaftlichen Relevanzverlustes von christlichen Themen und christlichen Glaubensinhalten kommt es mir manchmal so vor, als zögen auch wir uns immer mehr in unser Haus zurück, schwelgten in Erinnerungen vergangener Tage, sängen alte, vertraute Lieder und pflegten eine Sprache, die sich bewusst von der der anderen unterscheidet. Auch wir haben, so scheint es mir manchmal, im Blick auf unseren Glauben einen Gang zurückgeschaltet, etwas Gas weggenommen, und erwarten nicht mehr die ganz großen Sprünge. Wir sind im Glauben vielleicht vernünftiger geworden, nüchterner so-gar, und in der Corona-Krise, die ja bekanntlich viele sonst verborgene Prozesse und Probleme ans Tageslicht fördert, verstärkt sich dieser Eindruck noch.

Nicht ganz zu Unrecht hat aus meiner Sicht die frühere Thüringische Ministerpräsidentin und Pfarrerin Christine Lieberknecht das Verhalten der Kirchen in der Corona-Krise in ungewohnter Deutlichkeit kritisiert: Zu still sei es um die Kirche geworden, zu wenige, deutliche Worte des Trostes und der Anteilnahme seien von ihr zu hören gewesen.

Wenn ich die Selbstverständlichkeit und Schnelligkeit betrachte, mit der wir landesweit unser Angebot eingestellt haben – was sicherlich in der speziellen Situation richtig war – ohne in vielen Fällen etwas Anderes an ihre Stelle zu setzen, dann hat sie recht. Entfernen sich, frage ich mich, vielleicht nicht nur unsere Zeitgenossen außerhalb der Kirche immer stärker von dem Fundament unseres Glaubens, sondern auch die, die (noch) in der Kirche sind? Wieviel bedeutet uns der Gottesdienst oder die Sakramente, wenn wir sie ohne großes Wort des Bedauerns einfach einstellen? Wieviel trauen wir selbst unseren Gottesdiensten und unseren Sakramenten zu, wenn wir auf sie offen-sichtlich so leicht verzichten können?

Blicken wir noch einmal auf die Pfingstgeschichte, dann besteht das eigentliche Wunder darin, dass diejenigen, die drinnen im Haus sind, nach draußen gehen; dorthin also, wo die überwiegende Mehrheit sich befindet. Sie bleiben nicht unter sich im Haus und machen es sich weiter gemütlich, sie stoßen auch nicht bloß die Türen und Fenster ihres Hauses auf, damit die, die draußen sind, zu ihnen hineinkommen oder wenigstens hören, was drinnen vorgeht. Pfingsten beginnt da-mit, dass diejenigen, die drinnen sind, nach draußen gehen, und endet damit, dass einige von denen, die draußen waren, nun drinnen sind. Das ist das Pfingstwunder und nicht die Feuerzungen, das Brausen oder das Sprachengewirr, und das ist der Auftrag, den wir gemeinsam als Kirche und als Gemeinde haben, den aber auch jede und jeder von uns ganz persönlich hat.

Auch für uns als Gemeinde reicht es nicht, unsere Türen bloß weit auf zu machen und zu warten, bis Menschen unsere Angebote wahrnehmen – das werden wir nach der Krise noch deutlicher merken als vor-her. Wir haben mit Pfingsten den Auftrag bekommen, zu den Menschen zu gehen, genau dorthin, wo sie ihren Alltag verbringen. Und auch wir persönlich sollten nicht warten, bis Menschen uns auf unser Christsein und unseren Glauben ansprechen, sondern wir sollten aktiv und offensiv mit der Tatsache umgehen, dass wir die beste Botschaft der Welt kennen. Dass dieser Auftrag alles andere als leicht ist, liegt auf der Hand. Aber die Pfingstgeschichte hält drei Entlastungen bereit, auf die ich zum Abschluss noch kurz blicken möchte:

(1.) Die Menschen kommen nicht aufgrund der Predigt der Apostel zum Haus, sondern weil sie sich über das unüberhörbare Sturmbrausen wundern. Übertragen auf unsere Fragestellung bedeutet das, dass es nicht immer und zuallererst die inhaltliche Qualität unseres Redens und Handelns sein muss, die uns in Kontakt mit Menschen treten lässt. Es reicht manchmal auch, sich der Themen anzunehmen, die schlicht und einfach so drängend sind, dass man sie nicht überhören kann: die Angst vor Ansteckung z. B., das Leiden unter den Kontaktbeschränkungen, die Sorge um einen Erkrankten, die Wahrnehmung der eigenen Endlichkeit. Pfingsten wird es bei uns, wenn wir unseren Glauben im Blick auf die Fragen ins Gespräch bringen, die aktuell unüberhörbar sind.

(2.) Die Menschen kommen, weil sie nach der Ursache des Sturmbrau-sens suchen, und sie bleiben, weil sie sich plötzlich und unerwartet in ihrer eigenen Muttersprache angesprochen fühlen. Pfingsten bedeutet, Menschen in ihrer Muttersprache anzusprechen, d. h. auf eine Weise, die ihnen zutiefst entspricht, die sie verstehen, die ihnen geläufig ist. Wir können unsere kirchlichen oder persönlichen Sprachgewohnheiten nicht verabsolutieren. Pfingsten wird es bei uns, wenn wir unseren Glauben sprachlich und emotional so einbringen, dass Menschen sich davon angenommen und wertgeschätzt fühlen.

(3.) Gott hat uns seinen Geist zugesagt, einen Fürsprecher, der für uns spricht, wenn uns die Worte fehlen. Selbst die Apostel schaffen das Pfingstwunder nicht aus sich selbst heraus. Es ist der Heilige Geist, der ihnen die Kraft, den Mut und die Kreativität gibt, ihren Glauben auf eine Weise ins Gespräch zu bringen, die bei den Menschen ankommt.

 

Lassen sie uns heute um diesen Geist bitten: für unsere Kirche, für unsere Gemeinde und für uns ganz persönlich, auf dass es auch bei uns Pfingsten werden möge.

Amen.