Für die meisten Menschen des 16. Jh. war Freiheit zwar etwas, wonach man streben konnte, wirklich frei in ihrem Handeln und Denken waren aber die allerwenigsten. Das galt in politischer und sozialer, besonders aber in religiöser Hinsicht. In den Himmel kamen nur diejenigen, die auch gute Werke taten und sich rechtschaffen verhielten. Dass die Menschen nicht perfekt sind, ist nun seit dem Sündenfall hinlänglich bekannt, und die Kirche tat ihr Möglichstes, um die Angst vor Hölle, ewiger Verdammnis und dem Fegefeuer zu schüren, schließlich verdiente sie viel Geld damit.

An der Kirche kam damals niemand vorbei. Die Interpretation von Gottes Wort war exklusiv dem Klerus vorbehalten, kontrollieren konnte das, mangels Lateinkenntnissen, niemand. Luther ging es nicht anders, aber er hatte immerhin die Möglichkeit, die Bibel selbst zu lesen. Auf der Suche nach einem Gott der Liebe, entwickelte er seine Rechtfertigungslehre, prangerte den Ablass an und machte schließlich auch die Heilige Schrift der breiten Masse zugänglich.

Endlich frei, das Wort Gottes selbst zu lesen und zu verstehen. Endlich frei, das Geschenk der Rechtfertigung bedingungslos anzunehmen. Aber nicht nur die Freiheit in rein religiöser Hinsicht wurde erlangt, sondern die Schrift und das Wort Gottes wurden zum Instrument der Machtpolitik, es folgten erbitterte Kriege, die Europa über 100 Jahre lang fest im Griff hielten. War es das wert?

Und heute? Wir sind frei. Wir können lesen, was wir wollen, glauben, was wir wollen. Soziale und wirtschaftliche Unterschiede gibt es immer noch, aber niemand wird so ganz fallen gelassen. Und das alles ganz ohne Religion und Heilige Schrift. Das brauchen wir scheinbar nicht mehr und so sind gut gefüllte Kirchen eher die Ausnahme als die Regel und mancherorts zu Schauplätzen überholter Traditionen degradiert. Die Hochzeit in weiß und an Weihnachten in die romantisch erleuchtete Kirche, das ist dann doch schön und überhaupt, das haben wir doch immer schon so gemacht...

Hat Luther uns also heute noch etwas zu sagen? Auf den ersten Blick vielleicht tatsächlich nicht. Wir sind so frei, dass uns der Rahmen fehlt, wir unseren „roten Faden“ nicht mehr finden können. Wir lassen uns hin und her schubsen von den neuesten Trends und streben nach möglichst viel Profit. Und kommuniziert wird so viel wie noch nie, aber hören wir auch zu? Sind wir frei oder einfach nur orientierungslos?

Auf den zweiten Blick ermutigen jedoch reformatorische Begriffe wie „sola gratia“ (allein aus Gnade), „sola fide“ (allein aus Glaube), „sola scriptura“ (allein aus der Schrift) und „solus Christus“ (allein durch Christus) dazu, uns die Freiheit zu nehmen uns an das zu erinnern, was Luther uns vor 500 Jahren unter Einsatz seines Lebens versucht hat, deutlich zu machen.

Wir sollten uns heute auf das besinnen, was wirklich wichtig ist: Allein aus Gnade hat uns Gott bedingungslos vergeben, unsere Schuld auf sich genommen. Wir müssen nichts weiter tun und dieses Geschenk annehmen. Im Vertrauen auf Gottes Wort dürfen wir uns ganz auf unseren „roten Faden“ konzentrieren: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Wenn wir das schaffen, dann können wir wahrhaftig sagen: Endlich frei!