Wie kostbar die Freiheit ist, spüren wir am stärksten, wenn wir eine Zeit der Unfreiheit durchleben mussten. So machte Joachim Gauck als Bundespräsident die Freiheit oft zum Thema seiner Reden, denn es war ihm unvergesslich, wie sehr er und seine Mitbürger in der DDR unter den Einschränkungen der Bürgerrechte gelitten hatten.

Vor mehr als 500 Jahren erfuhr Martin Luther die Unfreiheit in einer anderen Form, als sie uns heute in der Regel begegnet. Er litt darunter, dass er den Anforderungen nicht genügte, von denen er gelernt hatte, dass ein strenger Gott sie an ihn richtete. Erst als Luther begriff, dass Gott selbst schenken möchte, was er an rechtem Verhalten fordert - mit dem Apostel Paulus gesprochen: die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt - erlebte er die Befreiung seines Gewissens. In seiner berühmten Schrift aus dem Jahr 1520, Von der Freiheit eines Christenmenschen, konnte Luther den gewonnenen Freiraum beschreiben: Gott hat die letzte Verantwortung für das Gelingen des Lebens übernommen, denn in Jesus Christus ist er gekommen, um das Versagen und die Schuld der Menschen auf sich zu nehmen.
Dagegen können wir im Glauben das erhalten, was Christus vor Gott auszeichnet: die Freiheit zur Selbstdisziplin und zum Einsatz für andere, ohne sich dabei zu verlieren.

Luther spricht von einem „fröhlichen Wechsel und Streit“ zwischen Christus und der Seele, dem „innerlichen Menschen“. Wie könnte dieser „Wechsel und Streit“ für uns aussehen? Vielleicht so: Wir bringen die Anforderungen vor Gott, die das Leben, die Mitmenschen und die Umwelt an uns stellen. Immer wieder müssen wir zugeben, dass wir an diesen Anforderungen scheitern. Doch können auch wir Vertrauen entwickeln und befreit werden zum Engagement.
Endlich frei

Wenn Luther vom „innerlichen Menschen“ spricht, verkennt er keineswegs, dass viele Probleme des „äußerlichen Menschen“ bleiben und dass wir immer nur in einem sehr begrenzten Raum wirksam werden. Doch gilt für Luther wie für uns: Gott hat in Jesus Christus Befreiung von übermäßigen Anforderungen und vom Scheitern daran möglich gemacht. Endlich frei!

Wir können aufatmen - und wir können realistisch bleiben, denn wir wissen, das wir endlich sind. Wir sind nicht Gott - das Ganze unseres Lebens und unserer Welt können wir ihm überlassen.