„Achtung Aufbruch!“

Liebe Leserinnen und Leser,
die Bibel ist voll von Aufbruchserzählungen: Adam und Eva müssen aus dem Garten Eden aufbrechen, nachdem sie von der verbotenen Frucht gekostet haben; Abraham bricht noch im hohen Alter auf, weil ihm von Gott Segen und ein fruchtbares Land verheißen worden ist; Mose bricht auf, um das Volk Israel aus der Gefangenschaft zu führen; Saulus lässt sich vor Damaskus von Jesus finden und bricht als Paulus in ein neues Leben auf.

Man kann sagen, dass alle wesentlichen Gelenk- und Scharnierstellen der Bibel von Aufbrüchen handeln, und das ist bei rechtem Hinsehen nicht sonderlich verwunderlich: Denn wenn Gott an Menschen handelt, wenn er ihnen auf eine begreifliche und nachhaltige Weise nahekommt, dann kann dies nicht ohne Folgen bleiben. Menschen machen sich dann auf, geben ihrem Leben eine neue Wendung, weil ihre Gottesbeziehung eine neue Wendung bekommen hat.

In der Bibel sind diese Geschichten häufig bunt und schillernd ausgemalt, ihre Akteure tragen heroische Züge und die Aufbrüche, die sie wagen, sind häufig radikal und umfassend. Wenn wir von diesen Geschichten aus auf die Aufbrüche in unserem Leben blicken, dann kann dieser Blick schon einmal nüchterner ausfallen. Denn häufig sind es nicht die „Entweder-oder-Aufbrüche“, die „Ganz-oder-Gar-Nicht-Alternativen“, die die Wendepunkte in unserem Leben markieren, sondern viel subtilere, vielleicht von langer Hand über viele Jahre vorbereitete Aufbrüche, die das Alltägliche nicht plötzlich und ein für alle Mal hinter sich lassen, sondern sich in, mit und unter dem ganz Alltäglichen vollziehen.

Ganz ähnlich vielleicht wie in der zentralen Aufbruchsgeschichte, an die wir uns in den nächsten Wochen wieder erinnern werden: die Weihnachtsgeschichte. Maria und Josef brechen nicht nach Bethlehem auf, weil sie einer großen Vision folgen oder vor einer wichtigen Entscheidung stehen, sie brechen aus ganz profanen, ganz alltäglichen Gründen auf, um einer Steuerschätzung Folge zu leisten. Und ihr Begleiter ist nicht Gottvertrauen und Siegesgewissheit, sondern Zweifel: Josef zweifelt an der Treue Marias, beide verzweifeln an den ungastlichen Verhältnissen in Bethlehem und bezweifeln in manchen Momenten vielleicht, dass die Verheißung, die Gott ihnen einmal gegeben hat, noch gültig ist. Und doch geschieht durch diese beiden der größte Aufbruch, den die Welt je gesehen hat: Gott bricht zu uns Menschen auf und wird selbst Mensch.

Gott bricht zu uns auf, während wir mit der Steuererklärung befasst sind: So könnte man die Weihnachtsgeschichte auch deuten. Gott bricht zu uns auf mitten in unserem Alltag – nicht nur vor 2000 Jahren, sondern jeden Tag neu. Mögen wir diesen Aufbruch Gottes auf die ein oder andere Weise in den kommenden Wochen und Monaten spüren. Und wer weiß: Vielleicht ergibt sich daraus auch ein Aufbruch bei uns?!