Unser tägliches Brot gib uns heute?

Die Textpassage aus dem Vater Unser „Unser tägliches Brot gib uns heute“ als Wunsch, als flehendes Gebet ist aus heutiger Sicht vielen in unserer Gesellschaft kaum mehr verständlich. Allenfalls Menschen aus der Nachkriegsgeneration können sich erinnern an Fragen von Hunger und Leid. Heute ist es für viele selbstverständlich, dass die Regale in den Lebensmittelgeschäften immer gefüllt sind und eine Auswahl an Produkten mit Spitzenqualität in unterschiedlichster Form besteht. Der Selbstversorgungsgrad für Lebensmittel in Deutschland beträgt 105 %. Die Leistungen zur Ernährungssicherung werden mit immer weniger Erwerbstätigen (heute 1,5 %) bei einer weiter steigenden Effizienz erreicht. So hat sich in einem Jahrhundert der Weizenertrag pro Hektar vervierfacht. Zugleich ist der Anteil der Ausgaben eines privaten Haushalts für Nahrungsmittel deutlich gesunken, heute werden nur noch 12 % des verfügbaren Geldes für Nahrungsmittel ausgegeben. Warum also beten und bitten für das alltägliche Brot, wenn es doch für prozentual immer weniger Geld stets ausreichend zur Verfügung steht?

Die als sicher genommene Nahrungsmittelversorgung, sowohl in der Qualität, als auch in der Quantität ist nicht selbstverständlich. Sie ist das Ergebnis eines guten Standorts Europa, und Deutschland mit sehr viel Niederschlag, guten Böden und einer stabilen politischen und wirtschaftlichen Situation. Die sichere Versorgung ist auch und insbesondere den Menschen zu verdanken, die 365 Tage im Jahr mit Gottes Schöpfung arbeiten. Sie betreuen ihre Nutztiere mit viel Herzblut, hegen und pflegen Kulturpflanzen und dies möglichst im Einklang mit Natur und Gesellschaft.

Ein Blick auf andere Kontinente und andere Länder zeigt, dass all dies nicht selbstverständlich ist. Wir leben in einem Land, in dem Milch und Honig fließen. Dafür können und müssen wir dankbar sein. Dies gilt insbesondere für die Menschen, die sich für die „Lebensmittel“-Produktion so engagiert, kenntnisreich und fähig einsetzen. Neben der Dankbarkeit gilt es, den Landwirten und den in der weiteren Verarbeitung tätigen Menschen auch Vertrauen entgegen zu bringen.

Unsere Situation ist luxuriös. Darüber dürfen wir uns freuen. Ist es nicht zugleich auch eine Verpflichtung für andere, deren Versorgung deutlich schlechter ist, mit tätig zu sein? Nicht überall sind die klimatischen oder politischen Verhältnisse so, wie sie sein könnten und sollten. Nicht überall lässt sich kurzfristig know how transferieren und eine eigene Produktion an Nahrungsmitteln steigern und erweitern. Hier gibt es die Pflicht, aus Deutschland, aus Europa heraus Menschen in diesen Ländern und Kontinenten konkret zu helfen.
Seien wir dankbar und freuen wir uns über unser tägliches Brot - jeden Tag neu