Am Dienstag letzter Woche betrat ich auf der Suche nach einer Gießkanne unsere Hauskapelle im Achatius-Haus, wo ich eine unserer Bewohnerinnen traf, die sich gerade von einem Stuhl erhob. „Oh, ich wollte Sie nicht stören“, sagte ich. „Das tun Sie auch gar nicht“, war die Antwort. „Ich bin sowieso gerade fertig. Ich habe nur ein kleines Dankgebet gesprochen.“

Auf meinen fragenden Blick hin, bekam ich die Auskunft: „Das mache ich eigentlich jeden Tag. Immer wenn ich heile von meinem Morgenspaziergang zurückkomme, ohne gestürzt zu sein.“

„Liebe Frau H.“, sage ich, „das kommt mir wie gerufen. Ich möchte nämlich etwas über Dankbarkeit schreiben. Hätten Sie wohl mal Zeit, mit mir darüber zu sprechen?“
So kam es, dass ich einige Tage später bei Frau H. im Zimmer saß und wir ein Gespräch über ihr Leben führten. „Das Beten habe ich schon als Kind gelernt, sagt Frau H. auf meine Frage hin. „Und jetzt im Alter ist es wieder wichtig für mich.“

Ihr Leben sei nicht immer leicht gewesen, erzählt sie weiter: Schon mit 5 Jahren verlor sie ihren Vater durch eine schwere Krankheit und 3 Jahre darauf die Mutter, womit sie Vollwaise war. Dann wurde sie auch noch von ihrem Bruder getrennt, da sie bei einer Kusine der Familie aufgenommen wurde und ihr Bruder bei einem entfernt lebenden Onkel. Zwar gelang es Frau H. sich in die neue Familie einzuleben, aber es war nicht immer leicht. Einmal sagte eines der kleineren Mädchen zu ihr: „Du gehörst nicht zu uns.“ Das, sagt Frau H., habe sie sehr belastet und sie habe es ihr Leben lang nie vergessen können.

Dann kamen die Wirren des Krieges und am Ende musste sie fort aus ihrer Heimat Schlesien. Wieder wurde Frau H. von ihrer Familie getrennt und musste sich alleine auf den Weg machen. Es gelang ihr, sich zuerst zu ihrem Patenonkel durchzuschlagen und von dort aus landete sie im Vogtland. Wieder auf sich alleine gestellt, suchte sie zunächst Arbeit in ihrem Beruf als Büroangestellte. Als da aber nichts zu finden war, bewarb sie sich als Haushaltshilfe. Sie hatte Erfolg – und Glück: denn hier fand sie wieder Aufnahme und bald auch Anerkennung. „Das war wie eine neue Familie“, sagt Frau H. Und noch heute habe sie Kontakt zu den Kindern der von ihr sehr geschätzten damaligen Arbeitgeber.
„Ich glaube, ich weiß jetzt, wo Sie die Dankbarkeit gelernt haben“, sage ich. „Sie haben zwar viel Schweres durchgemacht, aber Sie haben immer wieder die Erfahrung machen dürfen, dass Menschen Sie bei sich auf- und angenommen haben und Ihnen ein zu Hause gegeben haben.“
„Das könnte sein“, sagt Frau H. und lächelt.