Wo beginnen? – Angesichts des geschichtlichen, stilistischen und kulturellen Reichtums der Kirchenmusik, der sich über viele Jahrhunderte nicht nur angesammelt, sondern geradewegs aufgetürmt hat, möchte man staunend und zögernd innehalten: Jedes, zumal das erste Wort setzt einen Eckpunkt, der diesen Reichtum in seiner Vielfalt begrenzen könnte.
Da wäre zuerst festzuhalten, dass unter Kirchenmusik heute die musikalischen Beiträge aller christlichen Konfessionen und Glaubenspraktiken zu verstehen sind. Doch selbst dieser Rahmen erscheint noch zu eng: Die spirituelle Ausstrahlung, die von Musik ausgehen kann, überwindet Grenzen.

So kann das kirchenmusikalische Leben, das ein wichtiges Segment im Kulturleben einer Stadt darstellt, zur Ebene für kirchenferne Menschen werden, auf der sich in der spi-rituellen Erfahrung Kunst und Religion vereinen.

Die veränderten Ansprüche an die kirchenmusikalische Praxis lassen sich an einem zentralen Punkt plastisch verfolgen: an der Geschichte der Gesangbuchrevisionen seit den 1960er Jahren. Manches Liedgut ist über den Zeitgeschmack hinweggegangen; anderes ist aus historischen, politischen und gesellschaftlichen Gründen unakzeptabel geworden, darunter Liedtexte, welche die Vorstellung einer ecclesia militans (eine wörtlich zu nehmende kämpfende Kirche) transportieren.

Dafür ist Liedgut aus bekennenden (Widerstand der NS-Zeit) und geistlichen Bewegungen (z. B. Taizé) aufgenommen worden. Endlich hat eine internationale Ökumene Eingang in die gottesdienstliche Praxis der evangelischen Kirche gefunden. Mit dem neuen geistlichen Lied haben sich altgewohnte Praktiken inzwischen merklich verändert.

Orgel, Kirchen- und Posaunenchor teilen sich ihren Platz mit Combo, Keyboard, Jazz-, Gospel- und Pop-Chor. Die Kirchenmusiker*innen-Ausbildung heute trägt dem Rechnung.
Ohne das reformatorische Liedgut, ohne den reformatorischen Gedanken, dass Musik als Lobopfer – „Wer Dank opfert, der preiset mich“ (Ps 50, V. 23) – selbst Verkündigung ist, und ohne die darauf beruhende Musik und Dichtung von zum Teil weltkultureller Bedeutung würde der angedeuteten Qualität der Vielfalt jedoch die Grundlage entzogen, wenn das gemeinsame und übergreifende Erbe nicht mitbedacht und praktiziert werden würde; angelehnt an die Sprache der Wirtschaft: der Markenkern.

In der Tat, Kirchenmusik ist stilistisch so vielfältig, dass sie uns vielfältig bis zur Widersprüchlichkeit und darum unbequem vorkommen kann. Darin unterscheidet sich Kirchenmusik durchaus nicht von anderen Bereichen der modernen Kultur.

Vielfalt sagt sich so leicht. Gerade Musikgeschmack tendiert nicht selten dazu, einschränkend zu wirken. Umgekehrt ist Musik ein starkes Identifikations- und Bindungsmedium, von dem in der einen oder anderen Weise Gebrauch gemacht worden ist und wird. Kirchenmusik in ihrer Vielfalt zu leben und erleben, stellt also Anforderungen, sich neben dem Gewohnten, das uns lieb ist und auch lieb bleiben soll, auf Altes, Neues und – auf Anderes einzulassen. So kommt eine Vielstimmigkeit zustande, eine freie Polyphonie der musikalischen Verkündigung von stilistisch erfrischender Unordnung, die zu hören in ihrem ›Dissonanzenreichtum‹ fasziniert.

Soll hierbei Theologie ins Spiel kommen, so sei daran erinnert, dass Glaube und Verkündigung über das Hören vermittelt sind. Auch der Jude Jesus von Nazareth spricht die Worte, mit der bis heute alle Juden ihren Glauben bekennen: „Höre, Israel“ (Mk 12, V. 29; 5. Mose 6, V. 4). Martin Luther hat dafür in einer Predigt richtungsweisende Worte gefunden, denen im Medienzeitalter eine nicht nur theologische Bedeutung zukommt: „Und ist Christi Reich ein hör Reich,nicht ein sehe Reich. Denn die Augen führen uns nicht dahin, da wir Christum finden und kennen lernen, sondern die Ohren müssen das thun“ (Martin Luther: Predigt über Ps 8, V. 3; Merseburg 6. August 1545). Es geht um die Botschaft der Offenheit von Wahrnehmung, die sich in der gelebten Vielfalt der Kirchenmusik mit ihrem geistlichen Bezug immer wieder neu zeigen muss.