Liebe Leserinnen und Leser,
 manchmal hat man den Eindruck, als bestünde das ganze Leben nur aus warten: warten auf den Termin beim Arzt, warten in der Schlange an der Supermarktkasse, warten auf den richtigen Partner, die perfekte Arbeitsstelle oder den passenden Moment. Man kann ungeduldig warten oder gelassen, voller Vorfreude oder mit Besorgnis. Hinter dem Warten stehen dabei meist ganz bestimmte Erwartungen, ansonsten würden wir die Warterei ja gar nicht erst auf uns nehmen. Ein Warten allein des Wartens wegen ist nur schwer denkbar.

Liegen unsere Erwartungen im Blick auf den Besuch beim Arzt oder dem Warten an der Supermarktkasse noch ganz deutlich auf der Hand, sind unsere Erwartungen im Blick auf den richtigen Partner oder die passende Arbeitsstelle schon schwieriger zu formulieren. Und richtig schwierig wird es, wenn wir nach den Erwartungen unseres Glaubens fragen. Erwarte ich eigentlich (noch) etwas von Gott? Und wenn ja, was? Welche Erwartung habe ich an diesen Advent, dieser ganz bewussten Zeit des Wartens und Erwartens? Und wartet vielleicht auch Gott? Wartet er auf mich oder erwartete er mich sogar?

Auch die Bibel kennt eine ganze Reihe von Geschichten, in denen es um das Warten geht. Eine davon erzählt Jesus seinen Jüngern im Matthäusevangelium (Mt 13,44–46). Er vergleicht darin das Himmelreich mit einem Schatz, der verborgen in einem Acker liegt. Als ein Bauer ihn findet, kann er es kaum erwarten, diesen Acker zu erwerben. Denn er erwartet, zusammen mit dem Acker auch den Schatz in seinen Besitz zu bekommen und für den Rest seines Lebens ausgesorgt zu haben.

Nichts weniger sollen wir von einem Leben mit Gott erwarten, sagt Jesus mit diesem Gleichnis, nämlich ausgesorgt zu haben! Ausgesorgt im wahrsten Sinne des Wortes: die Sorgen verloren zu haben, am Ende doch noch zu kurz zu kommen; nach langer Warterei, doch leer auszugehen; alle Erwartungen enttäuscht. Ausgesorgt zu haben für den Rest unseres Lebens, nicht weniger sollen wir auch vom Reich Gottes erwarten und seinen Erwerb genauso beharrlich und umtriebig vorantreiben wie der Bauer den Kauf des Ackers in der Geschichte.

Jesus will uns mit dieser Geschichte also zu einem aktiven Warten ermutigen, aktiv von Gott nicht weniger erwarten, als vollkommenes Heil. Möge die vor uns liegende Advents- und Weihnachtszeit eine in diesem Sinne erwartungsvolle und erwartungsfrohe Zeit sein!